Ende der Probezeit

Die Woche ist vorbei, und es war mal wieder eine von der Sorte, die man am liebsten gar nicht erst erlebt hätte. Eine, die getrost aus dem Kalender hätte gestrichen werden können, ohne dass ich sie vermisst hätte. Also im Grossen und Ganzen. Es gab schon auch Momente, die schön waren. Dreihundertsiebzig Kilometer und fünf Pässe auf dem Motorrad zum Beispiel. Am Donnerstag. Oder die Wasserschlacht beim Balkonputzen am Freitag. In den Armen meines Freundes einzuschlafen, auch wenn es die einzigen Minuten waren, die ich überhaupt geschlafen habe.
Aber ich habe auch gewartet. Gewartet auf einen erlösenden Anruf von der Polizei, der – und das ist keine borderlinsche Dramatisierung – so ziemlich über den Rest meines Lebens entscheiden würde. Es ging im Wesentlichen darum, ob ich nach einem „Unfall“ (Blechschaden, der so gering war, dass man ihn nach dem ersten Regen nicht mehr sehen konnte, also vergleichsweise harmlos) Fahrerflucht begangen habe oder nicht. Ich habe von dem angeblichen Zusammenstoss nichts gemerkt, es wäre höchstens ein leichtse Streifen gewesen, und bin weitergefahren. Was ich niemals tun würde, wenn ich auch nur ahnen müsste, dass da was sein könnte. Von der moralischen Seite mal abgesehen, steht einfach zu viel auf dem Spiel.
Gut, jedenfalls sagte mir der nette Polizist letzten Samstag, er werde sich bis Ende der Woche melden. Donnerstag. Freitag. Samstag. Nichts. Am Sonntag sowieso nicht. Es ging meinen Nerven schon mal besser.
Heute Morgen dann die unbekannte Nummer auf dem Bildschirm. Zwei Möglichkeiten: Meine Mutter von der Arbeit aus – oder eben die Polizei. Zweiteres war der Fall.
Guten Morgen Frau S., D. hier von der Kantonspolizei. Wie versprochen melde ich mich mit dem Ergebnis der Untersuchung. Also: Der Schaden am anderen Fahrzeug ist so geringfügig, dass wir nicht mehr nachweisen können, ob die Spuren von Ihrem Auto stammen. Aber so oder so wird der Vorfall keine rechtlichen Konsequenzen für Sie haben.
Den Rest habe ich dann nicht mehr mitbekommen. Nur noch Erleichterung. Ich behalte also meinen Führerschein. Und damit die Chance auf meine Ausbildung. Und damit mein Leben.
So.
Wofür auch immer das gut gewesen sein mag, schrieb meine Therapeutin auf die erleichternde Nachricht. Ich spekuliere noch. Aber ganz bestimmt weiss ich, dass ich vor einem Jahr noch ganz anders reagiert hätte. Vielleicht nicht mit einem Rückfall in die Essstörung, aber es wäre eine Option gewesen. Damals. Diesmal nicht. Keine Sekunge lang. Und auch sonst ging alles „gut“. Keine Krise, keine Suizidalität. Angst schon. Riesige Angst. Und Schlafstörungen. Aber keine Selbstschädigung, kein Sterbenwollen, nicht mal Schuldgefühle. Vielleicht war dieser Mist ja mein Bewährungstest. Der Abschluss der Borderlineprobezeit. Vielleicht kann ich es ja jetzt wirklich. Das, was man umgangssprachlich Leben nennt. Tja. Leb damit.

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