Vom Festhalten und Loslassen

Ein trauriger Abschied. Schon wieder, möchte ich fast sagen. Weil es in diesem Jahr schon so viele davon gab. Aber dieser war anders. Dieser hier war geplant. Und doch unfassbar traurig. Ich hab am Dienstag meinen Hund gehenlassen müssen. Nach über vierzehn Hundejahren und dreizehneinhalb Jahren bei mir war sein Körper so müde, dass es nicht fair gewesen wäre, ihn länger in dieser Welt festzuhalten. Im Kopf war er noch da. Im Kopf wollte er noch immer leben, aber seine Beine haben ihm nicht mehr gehorcht. Ausgerechnet ihm, der sein Leben lang so gerne gelaufen und gerannt ist, so gerne überall dabei war und einfach nicht müde wurde. Jetzt war er müde. Er beisst die  Zähne zusammen, weil er so stark ist, aber er hat Schmerzen, wenn er sich bewegt, sagte die Tierärztin und bestätigte das, was ich schon seit Monaten vermutet habe. Wir haben alle damit gerechnet, Mom, Papa und ich, und trotzdem war es ein kleiner Schock, als die Ärztin meinte, es wäre der richtige Zeitpunkt, ihn gehen zu lassen. Es tat und tut so unheimlich weh, einen Freund zu verlieren. Aber ich hätte nicht zulassen können, dass er sich noch länger quält. Eben weil er mein Freund war.
Also haben wir uns hingesetzt in der Praxis. Auf den Boden, weil er diesen seltsamen Tisch noch nie mochte. Er hat ein Schlafmittel bekommen, sich auf meine Beine gelegt (er war etwas grösser als ein Deutscher Schäferhund – also nichts mit Schosshundgrösse), den Kopf in meine Hand gedrückt, während ich ihm mit der anderen die Ohren kraulte. Dann ist er eingeschlafen. Hat noch ein paar Mal geschnarcht, tief eingeatmet, als wollte er letzte Erinnerungen mitnehmen. Und schliesslich hat sein Herz zu schlagen aufgehört. Ganz ruhig hat er ausgesehen. Entspannt und, ja, zufrieden.
Ich habe geweint. Ich weine auch jetzt, während ich schreibe. Weil ich ihn so vermisse. Weil er ein so wunderbarer Hund war und weil es weh tut, dass er nicht mehr da ist. Er fehlt. Er fehlt so sehr.

Aber ich bin auch dankbar. Für so viele gesunde, wunderbare Jahre. Für all die Erinnerungen, für all das Lachen, für Kuschelstunden und dafür, dass er da war, wenn ich aus den Kliniken wiederkam und die Wohnung kaum ausgehalten habe. Dafür, dass er mich mehr als einmal davon abgehalten hat, Suizidgedanken in die Tat umzusetzen oder Essanfälle zu haben. Dafür, dass er mich beschützt hat und mir immer das Gefühl gab, in Sicherheit zu sein. Er war da, als ich am Tiefpunkt angelangt war. Und er war dabei, als ich wieder gesund wurde. Vielleicht war er deshalb so lange stark, weil er noch erleben wollte, wie es Ihnen wieder gut geht, sagte meine Therapeutin. Ich kann den Satz nicht ohne Tränen in den Augen schreiben. Weil ich den Gedanken so schön finde. Weil sich das Kämpfen dann für ihn gelohnt hat.

Heute bin ich gesund. Jaja, Borderline bleibt, ich weiss. Aber ich bin trotzdem gesund. Ich habe meinen Hund, den ich liebe, loslassen können, weil es besser für ihn war, und obwohl ich sehr, sehr traurig war und bin, geht es mir nicht schlecht. Es ist okay, traurig zu sein. Alles Andere wäre auch unheimlich, um es mit den Worten meines Freundes zu sagen. Stimmt. Es gehört dazu. Zum Prozess des Loslassens, und diesmal will ich den nicht verdrängen. Ich will traurig sein und weinen, und ich will trotzdem lachen und die Zeit mit Menschen geniessen, die ich mag. Ich will reiten und mir wünschen, unser Freund auf Pfoten wäre noch dabei, wie er es sein ganzes Leben lang war, und ich will nicht vergessen, wie schön die Zeit mit ihm war.
Es war und ist richtig und wichtig, loszulassen. Damit ich die Erinnerung in gesunder Weise festhalten kann.

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Mach’s gut, mein grosser Keks. Ich bin dir so dankbar für mehr als dreizehn wunderbare Jahre. Du hast so viele Pfotenabdrücke hinterlassen, die ich für immer mit mir tragen werde. Und irgendwann sehen wir uns wieder.

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  1. Der Text hat mich zu Tränen gerührt. Ich weiß wie wichtig Tiere für einen sein können und es tut mir unglaublich leid, dass du deinen Hund hast gehen lassen müssen. Du hast aber nicht egoistisch, sondern zu seinem Wohl gehandelt und das finde ich toll. Hoffentlich hat er jetzt deinen Frieden, irgendwo❤

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