Vernetzt

Was ich gestern in der Therapie festgestellt habe:
Sekundäre emotionale Netze sind auch Arschlöcher.
Meines ist riesig, und es ist vor allem viel grösser und viel stärker, als ich annahm.
Ich kann es noch immer: so sehr in diesem Netz gefangen sein, dass ich es nicht mehr merke.
Auch Menschen ohne (Borderline-)Diagnose haben dieses Netz. Und das kann sich ebenso heftig zusammenziehen wie bei mir.
Und: Meine Therapeutin ist absolut genial (nicht, dass ich das nicht vorher schon gewusst hätte).

So. Und nun?
Bis 15:30 Uhr war gestern alles grausam. Kaum geschlafen, immer wieder Panikattacken mit Atemnot, seit fast einem Jahr wieder dissoziiert, dermassen appetitlos, dass mir schon von Tee übel wurde (was nichts mit der ehemaligen Essstörung zu tun hat), Weinkrämpfe, die mich völlig unvorhersehbar überrollten. Und ständig diese unerträgliche Angst. Verlustangst. Dreissig Jahre Prägung brachen ohne Vorwarnung auf einmal durch. Das ist ganz schön viel.
Ich war so sehr in meinem sekundären Netz gefangen, dass ich nicht mehr differenzieren konnte. Es war nur noch klar, dass mein Freund mich verlässt. Dass er mich nicht mehr will und ich ihm zu viel bin. Es war eines der entsetzlichsten und intensivsten Gefühle, die ich je hatte. Und das will schon was heissen.
Meine Therapeutin hat dann genau das getan, was mich letztlich gerettet hat. Sie hat die Situation mit etwas Abstand und objektiv eingeschätzt, nachdem ich ihr die relevanten Nachrichten zum Lesen gab (weil ich nicht mehr sprechen konnte).
Das liest sich überhaupt nicht so, als ob Ihr Freund Sie verlassen wollte.
Er wirkt sehr verletzt und ist wahrscheinlich genauso in seinem sekundären Netz gefangen wie Sie gerade.
Es ist zwar nicht konstruktiv, wie er reagiert und auch nicht fair, aber er kann wohl nicht anders. Aus eigener Angst.
Das ist seine Baustelle. Nicht Ihre.
Sie müssen ihm nichts erklären.
Sie haben das Recht, ein Gespräch zu fordern. Sie dürfen verlangen, dass er Ihnen zuhört.
Geben Sie ihm seine Verantwortung zurück.
Und wir schauen jetzt, wie Sie aus Ihrem sekundären Netz wieder rauskommen.
Ich hab’s dann tatsächlich hingekriegt, die Netze ein wenig zu entwirren. Das ist ganz schön ungüngstig, wenn zwei Primäre und zwei Sekundäre sich ungewollt ineinander verknoten. Da kann es schon passieren, dass man allerlei Beifang aus dem Emotionswasser zieht. Delfine sind zwar nicht zu Schaden gekommen (hoffe ich!), aber mein Selbstwertgefühl, seines wahrscheinlich auch, alte Erinnerungen und jede Menge Unsicherheiten hingen da schon drin. Ich bin noch nicht fertig mit dem Lösen der Knoten. Noch lange nicht. Aber ich habe es immerhin geschafft, meinem Freund sein sekundäres Netz und die Verantwortung dafür wieder zurückzugeben. Das kann ich nicht entwirren, das weiss ich jetzt. Und das ist beruhigend. Auch, weil er seither keine Andeutungen mehr in Richtung Beziehungsende gemacht hat. Auch keine, die mein vulnerables Hirn so interpretieren könnte.

Ich weiss aber jetzt, dass da viel mehr zusammenhängt, als ich vermutet habe. Das Übernehmen anderer Meinungen, das mich Verstecken, so lange, bis ich mich selbst nicht mehr finde. Ich fühle mich so unsicher in mir selbst und weiss dermassen nicht, wer ich bin, dass ich lieber fremde Ansichten als meine eigenen übernehme, anstatt mich zu zeigen. Weil ich überzeugt bin, dass die Menschen, die mir wichtig sind, dieses Ich sofort verliessen, wenn es zum Vorschein käme. Mein Selbstwertgefühl hängt da also auch noch mit dran an meinem Firmament aus Verlustangst. Lieber verlasse ich mich selbst, als dass du mich verlässt. Nicht, dass mein Freund das je gefordert hätte. Im Gegenteil. Das ist meine Baustelle, die mit ihm und mit unserem Konflikt nichts zu tun hat. Das war nur der Auslöser für meine kurze, aber sehr heftige Krise. Denn in der Vergangenheit wurde das gefordert. Nicht so explizit. Aber implizit leider schon. Mehr als einmal. Schon sehr, sehr früh. Und auch die Verlustangst kommt nicht von irgendwo.
Ich musste mein Zuhause verlassen, und meine Eltern waren nicht so da, wie ich sie gebraucht hätte. Da war nie eine stabile Basis. Ich war in der Schule immer allein, weil ich so anders war. Die einzige Lehrerin, die ich mochte, ist gekündigt worden, als ich in der zweiten Klasse war. Später immer wieder Schulwechsel, ohne echte Freunde zu haben. Dann Essstörung. Fast alle Freunde dadurch verloren. Gefühlt ein paar hundert Therapeuten. Schliesslich der Tod meines Vaters vor fünfzehn Jahren, der Suizid meiner ersten grossen Liebe vor vier Jahren, der Suizid einer guten Freundin im Januar, unser Zellklümpchen verloren im April, der Tod meines Hundes im August. Das habe ich alles nicht so verarbeiten können, wie ich sollte. Und das sind nur die Spitzen des Eisberges. Unschön.
Trotzdem gehört es dazu. Verlassenwerden. Es gibt nie eine Garantie, dass ein Mensch für immer bleibt. Und wenn ich gesund leben möchte, bis ich irgendwann selbst gehe, dann muss ich lernen, damit umzugehen. Das sekundäre Netz öffnen. Masche für Masche. Sorgfältig, ich will es ja nicht zerstören. Es sind auch gute Dinge dabei. Aber hinschauen.
Ich hab so eine Scheissangst davor. Aber anders geht es nicht. Für mich nicht und auch für die Beziehung zu meinem Freund nicht. Wir können nicht miteinander vernetzt bleiben, wenn wir verbunden sein wollen.

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2 Antworten auf “Vernetzt”

  1. Danke! Es geht mir besser, und der Konflikt mit meinem Freund ist geklärt. Er hat wohl selbst noch einiges zu tun. Aber das ändert natürlich nichts daran, dass ich noch ganz schön an mir werde arbeiten müssen. Denn das, was in mir passiert ist diese Woche, hatte mit ihm nicht so viel zu tun, jedenfalls nicht hauptsächlich. Aber ich werd schon dranbleiben. Muss ja irgendwann mal besser werden…
    Alles Liebe
    Elín

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