Vergessen und erinnern

Heute ist Ninas vierter Todestag. Ich musste arbeiten und war recht froh darüber, aber immer wieder sickert es durch, das Vermissen. In stillen Momenten. Wenn ich im Lager neue Helme einräume. Wenn ich im dunklen Auto sitze und nicht recht weiss, was mich daran hindert, loszufahren. Es ist doch Feierabend. In meiner Wohnung, wenn ich auf den Wasserkocher warte. Dann fehlt sie mir. Noch immer, auch nach vier Jahren. Und manchmal habe ich Angst, sie zu vergessen. Es ist doch schon so lange her. Mit jedem Tag wird der Abstand zwischen damals und heute grösser. Bis ich mich irgendwann nicht mehr an den Klang ihrer Stimme erinnern werde. Ich will nicht, dass das passiert. Aber so ist es nun mal. Ich glaube, man kann einen Menschen nicht für immer in vollständiger Erinnerung behalten.
Die Stimme meines Vaters ist aus meinem Gedächtnis verschwunden. Auch sein Gangbild habe ich nicht mehr vor Augen, und ich weiss nicht mehr sicher, was sein Lieblingsessen war. Aber er liebte Jazz. Seine Lieblingsfarbe war blau. Seine Augenfarbe auch. Er hatte schwarze Haare und die bräunungsresistenteste Haut, die ich je gesehen habe.
Er ist seit über fünfzehn Jahren tot. Und ich weiss erschreckend Vieles nicht mehr. Vielleicht hat das auch mit der Beziehung zu tun, die ich zu ihm hatte. Die war doch recht kaputt.
Und Nina? Noch erinnere ich mich. An ihre dunkelbraunen Augen, an ihren Blick, wenn sie glücklich oder traurig oder wütend war. An ihre zarten Hände. An ihre Unfähigkeit, das Essen richtig zu würzen und wie oft wir darüber gelacht haben. Überhaupt an ihr Lachen. Daran, dass sie dabei mit dem linken Nasenflügel zuckte. Daran, wie sie das Wort Absurdität aussprach. Mit Betonung auf der zweiten Silbe.
Aber der Geruch ihrer Haare ist verblasst. Vielleicht werden als nächstes ihre Bewegungen im Nebel verschwinden. Sie war allgemein ein eher statischer Mensch. Ausser dann, wenn sie Klavier gespielt hat. Dann erfüllte sie jeden Raum. Tanzend, leicht. Lebendig. Ihre Musik werde ich ganz bestimmt niemals vergessen.

Da war heute immer wieder eine Frage, die ich mir so noch nie gestellt habe. Ich habe gefragt, ob ich sie noch liebe. Und ich fand keine abschliessende Antwort. Ja und nein. Unsere Verbindung war etwas Besonderes (ist sie das nicht immer, wenn zwei Menschen sich lieben?), ja. Und einen Teil von ihr werde ich ewig im Herzen tragen. Aber ich habe sie losgelassen. Ich lebe weiter, und die Art von Liebe, die ich damals für sie empfand, empfinde ich nun für einen anderen Menschen. Und das ist gut so. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Liebe vollständig verschwindet. Wenn ich an sie denke, muss ich lächeln. Es ist ein warmes Gefühl. Wenn ich ihre Musik höre, wünschte ich, ich könnte ihr beim Spielen zusehen. Und manchmal wünsche ich mir, sie umarmen zu können. Einfach als ein Mensch, der mir sehr wichtig war. Ich bin mit der Erinnerung an sie befreundet. Aber mein Herz hat akzeptiert, dass Nina fort ist. Und sich jemand Anderem geöffnet. Wofür ich sehr dankbar bin. Auch und gerade an einem Tag, der eigentlich so traurig ist.

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