Auf zum Mond

Noch drei Tage, dann ist eine der intensivsten Wochen vorbei, die ich seit Ewigkeiten hatte. Warum ich das so genau weiss? Weil ich am Donnerstag zu meinem Freund nach Wien fliege. Er ist letzten Mittwoch schon losgefahren und geniesst seither die Zeit mit Freunden und Familie. Was schön ist. Wirklich. Ich gönne es ihm von Herzen. Und habe selbst vorgeschlagen, später nachzukommen. Weil es so unheimlich wichtig ist, dass wir beide mal ein paar Tage für uns haben. Nicht ohne einander, aber auch nicht räumlich zusammen. Wir schreiben viel, wir telefonieren jeden Abend, aber wir schlafen nicht zusammen ein und wachen nicht zusammen auf. Mit Raum für ganz viel Eigenes. Es ist seit fast einem Jahr das längste Getrenntsein überhaupt.
Vor genau einer Woche sass ich bei meiner Therapeutin und hatte Angst vor dieser Woche. Und Angst ist ja so wunderbar vielschichtig. Angst, dass mein Freund merken könnte, wie viel besser es ihm ohne mich geht und mich gar nicht mehr sehen will. Angst, wir könnten uns aus den Augen verlieren. Und Angst, in der Zeit allein Anteile von mir zu entdecken, die er vielleicht nicht mögen könnte. Aber auch Angst, es könnte eine Woche des Wartens werden. Rumsitzen, Löcher in die Zeit starren und die Stunden zählen, bis wir uns endlich wiedersehen. Es kaum auszuhalten. Ihn so sehr zu vermissen, dass ich nicht in der Lage sein könnte, irgendwas zu unternehmen, was mir guttut. Angst, bei jedem Handgriff und jedem Schritt daran zu denken, was er wohl davon halten könnte – und dann lieber nichts zu tun als etwas, das er nicht potentiell nicht mag. Das hat mit ihm gar nichts zu tun. Selbst wenn ich etwas täte, was er so richtig dämlich fände, würde er mich deswegen nicht weniger lieben (von ganz üblen Geschichten mal abgesehen natürlich, aber die liefen dann auch nicht mehr unter dämlich). Das ganze Drama spielt sich in meinem Kopf ab. Selbstgebackene Angst im Angebot. Ist ja schliesslich Kekszeit gerade.
Nun ja. Die Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Ganz und gar nicht. Ich habe die Zeit genossen (und natürlich Angst davor, sowas überhaupt zu denken, weil das in meinem borderlinschen Hirnareal heisst, dass ich ihn nicht genug liebe). Es war anstrengend, aber auf eine gute Weise. Ich konnte auch eigentlich nicht anders: Meine Therapeutin hat mir die tolle Aufgabe mitgegeben, alles zu tun, was ich möchte (im möglichen und legalen Rahmen selbstverständlich) und ganz besonders dann, wenn verlustängstlicher Widerstand auftaucht.
Ich würde gerne mal wieder „Lord of the Rings“ schauen, aber eigentlich wollten wir das doch bald zusammen tun. Ich mag diese eine Plätzchensorte so gern, aber mein Freund kann die nicht ausstehen. Ich würde gern mit Sandra in dieses tolle Restaurant in der Stadt, aber mein Freund mag veganes Essen nicht. Ich hätte eigentlich Lust, mir wieder mal die Nägel zu lackieren, aber ich weiss gar nicht, ob meinem Freund die Farbe gefällt.

Und so weiter.
Aber, aber, aber. Es ist kaum möglich, einem Aussenstehenden zu erklären, wie furchtbar anstrengend und aufwühlend es ist, all diese Dinge trotzdem zu tun. Weil ist doch egal, was dein Freund davon hielte – er ist ja eh nicht dabei. Ja, schon. Natürlich. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass das Dinge sind, die ich gerne tue, und wenn ich so vieles gerne tue, was er vielleicht ganz schön bescheuert findet, dann heisst das, dass er auch mich bescheuert finden muss, wenn er das erstmal merkt. Also lasse ich es lieber.

Tja. Aber (!) da ist auch noch meine Therapeutin. Die damit so gar nicht einverstanden war (ich eigentlich auch nicht). Und sie hatte, mal wieder, recht. Was auch immer Sie tun wollen, tun Sie’s! Erst recht, wenn ein Aber auftaucht. Also: auf mich hören. Darauf, was sich gut anfühlt, auch wenn mein Freund eine andere Meinung haben könnte. Ohne Wenn und Vermeidungsaber.
So. Nun sitze ich hier, freue mich zum ersten Mal seit mindestens fünfundzwanzig Jahren auf Weihnachten (mein Freund, Weihnachtsmärkte, kitschige Musik, Familie, Lachen, Wärme innen und Kälte draussen, Lichter, Punsch, Liebe, Freude, Kinder, Schnee, noch einmal fliegen dieses Jahr) und bin richtig glücklich. Weil es eine schöne Woche war. Weil ich mir erlauben kann, die Zeit für mich zu geniessen. Weil es ganz wunderbar ist, jemanden zu vermissen und vermisst zu werden. Weil wir beide wieder so richtig schätzen können, was wir aneinander haben. Und weil ich so vieles getan habe, was nur für mich war. Ein geniales Buch verschlungen. Frisch gekocht. Kekse gebacken (auch die, die mein Freund nicht mag). Lord of the Rings geschaut. Stundenlang mein Pony gekrault. Jeden Abend ein paar Folgen Glee geguckt. Diese auf gute Art bekloppte Serie (keine Ahnung, ob mein Freund die überhaupt kennt). Und ich habe mich heute spontan tätowieren lassen. Zwei Halbmonde im Nacken. Don’t worry if you make waves simply by being yourself. The moon does it all the time. Das passt wie die Nadel in die Haut. Und ich finde, dass ich eine Belohnung verdient habe. Für diese Woche ganz besonders und überhaupt für die letzten drei Jahre. Warum also nicht? Weil du deinem Freund nichts davon gesagt hast! Weil er es vielleicht nicht schön findet und du jetzt für immer damit rumlaufen musst! Weil er dich verlässt, wenn du ihm nicht mehr gefällst! Sorry, liebes Gehirn, aber das ist Bullshit. Es ist meine Haut. Ich muss niemandem davon erzählen (die Tätowiererin ausgenommen). Ich finde es schön, und das reicht. Es ist für immer, ja. Das ist der Sinn von Tätowierungen. Selbst wenn es meinem Freund nicht gefallen sollte, wäre das kein Weltuntergang.
Das war das wohl grösste Vermeidungsaber, das ich ausgeschaltet habe. Fühlt sich verdammt richtig an. Es ist meins. Nun werde ich also in einundsechzig Stunden mit neuem Tattoo (und roten Nägeln, das kommt morgen auch noch) nach Wien abheben. Mit ein paar Geschenken im Gepäck, mit ganz viel Vorfreude aufs Wiedersehen und vor allem mit der unschätzbar wertvollen Erfahrung, dass es in Ordnung ist, Dinge nur für mich zu tun. Dass es sich sogar richtig gut anfühlt. Dass es das darf. Ganz neue Erkenntnisse diese Woche. Mein persönlicher Flug zum Mond.

Mein Freund mag das Tattoo übrigens. Was sehr schön ist. Aber nicht ausschlaggebend.

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5 Antworten auf “Auf zum Mond”

  1. Liebe Elin, ich habe deine Beiträge sehr vermisst. Toll, wie du dich reflektierst und so vieles erkennst. Lustig, wie viele Ähnlichkeiten wir mal wieder haben. Ich habe zwar kein Mond Tattoo aber es fing mit einem Mond an und wurde zu einem Saturn( der Rebell in mir war damals noch aktiv). Jedenfalls wünsche ich dir ganz viele tolle Erkenntnisse und gute Zeiten, die du alleine nutzen kannst. Ich versuche das auch immer öfter einzubauen und genieße es inzwischen ein kleines bisschen. Ich war letzte Woche alleine in einem Restaurant und war furchtbar stolz, dass meine Essstörung und meine Angst es mit mir dorthin geschafft haben. Vor lauter Freude habe ich zwar das Trinkgeld vergessen, aber bin um eine Erfahrung reicher. Ich mag das so und das solltest du auch 🙂 Ich wünsche dir eine gute Restwoche und eine gute Zeit in Wien. Grüß mir den Egon. Alles Liebe. E.

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  2. Wie schön ist das! Jeder einzelne Satz hier könnte von mir sein – all die Ängste, die das Getrenntsein hervorrufen kann und dann die Erleichterung wenn es dann doch gut geht und die Vorfreude wenn man dann wieder zusammen sein kann. Und natürlich die Vorliebe für Tattoos und Herr der Ringe 😉
    Falls wir uns heuer nicht mehr lesen, mag ich dir schon die allerschönsten Weihnachten wünschen (übrigens lebe ich in Wien, falls du irgendwelche Tipps brauchen kannst), einen guten Rutsch in ein großartiges neues Jahr und mich vor allem bedanken für die vielen wundervollen, inspirierenden und mitfühlenden Worte, mit denen du meine Tage oft ein Stückchen heller machst.
    Alles Liebe
    Nina

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  3. Grüß mir Wien, die Stadt meiner Sehnsucht und lasst es Euch gut gehen!

    Ich war zwar noch nie im Winter in Wien… (Naja, eigentlich doch. Das erste Mal. In einem Februar, zum Arbeiten. Und da hat es mir noch gar nicht gefallen. Aber später! Wien ist für mich „Draußen“. Und „Oben“. Und die Wiener Linien. Der Ring. Die Donauinsel. Der Volksgarten mit dem Elisabeth-Denkmal, wobei ich besonders die Brunnenkinder mag. Und das MQ. Das Glacis Beisl. Das Nice Rice im Raimundhof und das „phil“ in der Gumpendorfer. Die Fillgrader Stiege mit dem „Stufenschnitt“. Klar, auch der Naschmarkt. Die Mariahilfer bis weit nach dem Westbahnhof. Das Hofmobiliendepot – naja, auch andere Museen. Aber vor allem: Draußen, Atmosphäre, Parks, die Menschen außerhalb der Touristenströme, Fahrradtouren, ja, sogar mal Grinzing und die Copa Cagrana. Und, sicher komisch, die lange Löwengasse mit dem Radetzkyplatz und ihren (wenigen) Läden. Ich war die letzten Male kaum innerhalb des Rings. Leider ist es jetzt wieder zwei Jahre her – ich sollte mich langsam um die Ferienwohnung für 2019 bemühen, da gibt es bloß ein paar Unwägbarkeiten…

    Gute „Reiseführer“ fand ich die Bücher von Eric Kandel (Das Zeitalter der Erkenntnis von der Wiener Moderne bis heute) und Margret Greiner (über Emilie Flöge und Gustav Klimt). Seltsam, jetzt fällt mir grad das Theatermuseum im Palais Lobkowitz ein, besonders die Richard Teschner Ausstellung. Da gibt’s sogar ein Weihnachtsspiel am Freitag und am Samstag… Ja, irgendwie ist Wien immer noch Freiheit durch Erkenntnis – aber die normalen Touristen kriegen das sicher gar nicht mit.

    Und nun, auch aus dieser Stimmung heraus: Geh mal in Dich. Was ist das Interessante am Verliebt-Sein und was sollte man sich bewahren, damit aus der Liebe mehr als eine positive Haltung gegenüber dem anderen wird? Die Neugierde und die Unterschiede! Symbiose ist gut für den Alltag, Rituale sind gut für die Vertrautheit und die Erotik. Aber die Neugierde muss bleiben. Auch auf eventuell dämliche Dinge – vielleicht sind sie ja gar nicht so dämlich? Womöglich war man nur zu dämlich, das Potenzial oder die Weiterungen zu erkennen, beiderseits und für beide? Erkenntnjs und Selbsterkenntnis – ich wüsste keine bessere Stadt dafür als Wien. Aber man braucht Zeit. Nur ein wenig Herumschauen reicht nicht, man muss sich hineinversetzen, aufleben… Sapere aude!

    Alles Liebe und Gute!

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  4. Da komme ich im letzten Moment vor dem Fest noch mit ‚Fakten‘, die ich glatt unterschlagen hatte. Ich schrieb vom Theatermuseum und vergaß, dass es da doch auch einen Mond gibt, aus Teschners Figurenspiegel:
    https://www.theatermuseum.at/lightboxes/bild/?type=image&uid=50513
    Ein Mond, dessen Pate man werden kann – symbolträchtig? Vielleicht irgendwann anstelle eines dieser allgegenwärtigen ‚Liebesschlösser’…

    Und dazu noch eine außergewöhnliche Krippe:

    und (ebenfalls zumindest derzeit) ein Weihnachtsengel (etwas weiter unten):
    https://www.theatermuseum.at/

    Soll bzw. darf ich Euch wünschen, dass Ihr nächstes Jahr an Weihnachten oder zum Jahreswechsel wieder gemeinsam in Wien seid? Oder halt anderswo, Hauptsache: Zusammen!

    (https://www.youtube.com/watch?v=2sZzJAxfD-4)

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