Schonungslos

Totales Chaos.
Das war der erste Satz (die erste Ellipse, um genau zu sein) der heutigen Therapiesitzung. Und er kam von mir. Zum ersten Mal überhaupt habe ich mit dem Sprechen angefangen. Sogar bei der Begrüssung lasse ich meiner Therapeutin den Vortritt (wenn auch unbewusst). Heute nicht. Heute war totales Chaos. Sie hat dann natürlich nachgefragt. Aber ich habe eröffnet. Warum das so wichtig ist? Weil es mich unheimlich viel Überwindung gekostet hat. Weil ich gewartet habe, was von meinem Gegenüber vielleicht kommt. Ob es irgendwas gibt, das sie als wichtig erachtet. Weil ein Teil von mir denkt, dass ich so viel Raum nicht verdiene. Dass ich nicht so wichtig bin.
Das war mir heute Nachmittag gar nicht so bewusst. Aber jetzt, da ich zu Hause sitze, mein Freund gerade virtuelle Menschen tötet und ich nachdenke, fällt es mir wie Schuppen von den müden Augen.
Irgendwann zwischen Wut und Verzweiflung und Traurigkeit und Angst und einigen alten Wunden sagte meine Therapeutin, was schon seit Beginn der gemeinsamen Arbeit wahr ist, bisher aber unausgesprochen blieb: Ich habe das Gefühl, dass sie Ihre Emotionen immer nur ein bisschen zeigen. Touché. Ohne jeden Vorwurf, ohne Kritik. Nur als Feststellung. Ich hätte nicht widersprechen können, selbst wenn ich es gewollt hätte. Es stimmt nämlich. Ich bin seit über zweieinhalb Jahren bei ihr in Behandlung, und ich schaffe es nicht, meine Gefühle vollständig (oder überhaupt) zuzulassen. Nicht einmal annähernd. Höchstens tröpfchenweise. Darüber reden kann ich. Das kann ich gut. Kann beschreiben, wie sich was anfühlt, manchmal auch, in welcher Körperregion es am deutlichsten ist, und oft kenne ich die Auslöser, aktuelle und vergangene. Mir fallen häufig Szenen aus der Vergangenheit ein, in denen ich schon einmal so fühlte und die erklären, warum ich es in der Gegenwart wieder tue. Aber ich lasse es nicht zu, diese Gefühle zu fühlen und erst recht nicht, sie (vollständig) zu zeigen. Nicht vor meinen Freunden, nicht vor meinem Freund und nicht einmal vor meiner Therapeutin. Das ist spürbar, sagte sie, noch immer ohne jede Kritik, und trotzdem fühlte ich mich getroffen. Nicht von ihr, aber von der Wahrheit.
Früher, als ich neu bei ihr war, wusste ich, weshalb ich das tat. Damals war ich so übervorsichtig, weil ich sie noch nicht kannte und sie nicht überfordern wollte mit meinem Kram. Ich habe mir nach der ersten Traumasitzung (die extrem heftig für mich war) vor allem Sorgen gemacht, wie sie umgeht. Wie kannst du nur so viel erzählen? Viel zu detailliert! Viel zu klar! Viel zu viel! Mute ihr bloss nicht so viel zu! Sei vorsichtig! Dabei war meinem Verstand schon klar, dass sie eine Ausbildung genossen hat und die menschlichen Voraussetzungen mitbringt, um mit meinen Erinnerungen umzugehen. Es war logisch, dass es nicht meine Verantwortung ist, was sie nun mit dieser Sitzung anfängt. Aber eben nur logisch. Nicht fühlbar. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Gefühle grundsätzlich zu viel sind für andere (für mich selbst auch). Nicht aushaltbar. Also habe ich gelernt, sie zu filtern, zu verkleinern, sie zurückzuhalten, so lange, bis sie zumutbar sind. Bis ich zumutbar bin. Daher kam das.

Aber jetzt? Ich denke schon lange nicht mehr, dass ich verantwortlich dafür bin, wie meine Therapeutin mit dem umgeht, was ich (und all ihre anderen Patienten) bei ihr deponiere. Ich vertraue ihr zu einhundert Prozent und weiss, dass ich ihr alles erzählen kann (ohne zu müssen). Dass sie sich selbst Hilfe holen würde, wenn es nötig wäre. Hat sie mir immer wieder bestätigt, und ich weiss, dass sie ehrlich zu mir ist. Sogar in ihrem Zimmer fühle ich mich wohl (auch wenn es mich noch immer irritiert, dass das Sofa jetzt woanders steht). Es gibt also keinen Grund, mich zurückzuhalten.
Ausser: Scham. Ja, tatsächlich. Ich schäme mich für meine Gefühle. Und vor allem für deren Intensität. Es gab genau zwei Situationen, in denen ich nichts davon zurückhielt. Zwei. In drei Jahren ernsthafter Therapie (davor wollte ich schlicht nicht, das ist was anderes). Das ist verdammt wenig. Und das war nicht einmal, weil ich es gewollt hätte, sondern weil ich nicht anders konnte. Weil ich in diesen zwei Momenten die Kontrolle verloren habe. Zum Glück, muss ich im Nachhinein sagen, aber trotzdem.
Warum schäme ich mich überhaupt dafür? Scham ist eine Schutzfunktion. Scham schützt davor, durch unangebrachtes Verhalten soziale Konsequenzen hervorzurufen. Grundlegend sinnvoll: Ohne Artgenossen können wir nun mal nicht gesund leben.
So. In meinem Kopf ist Selbstbeherrschung aber so dermassen als unumgänglich verankert, dass es zwangsläufig soziale Konsequenzen nach sich ziehen muss, sie aufzugeben. Selbst wenn es nur für einen Augenblick ist. Das geht nicht. Niemals. Wenn du dich nicht beherrschst, wenn du loslässt und zeigst, was wirklich in dir vorgeht, dann wird deine Therapeutin dich nicht mehr mögen. Und ich will, dass sie mich mag (selbsterklärend, dass ich mich allein für diesen Satz in Grund und Boden schäme). Ich will, dass sie mich als Erwachsene sieht. Als intelligent, überlegt – und beherrscht. Ich will die sein, die sich im Griff hat, die mitdenkt, die klarkommt. Die, bei der die Therapie anschlägt. Die vorwärts kommt und sich nicht zu sehr von Gefühlen leiten lässt. Gefühle sind was für kleine Kinder. Werd endlich erwachsen! Sei nicht so infantil!
Ich weiss nicht mehr, wie oft ich in der Gruppentherapie die anderen dazu ermutigt habe, zu ihren Emotionen zu stehen. Sich so zu zeigen, wie sie wirklich sind. Authentisch. Gefühlvoll im wahrsten Sinne des Wortes. Weil das wichtig ist. Weil es sie ausmacht. Weil Gefühle berechtigt sind und Raum verdienen. Nur für mich selbst gilt das nicht. Obwohl, doch, schon. Nur ist die Scham so gross, dass ich nicht mal die wirklich zeige. Stattdessen das Thema so umlenke, dass ich mit Denken daran vorbeikomme. Natürlich fällt das meiner Therapeutin auf. Natürlich ist das dämlich, weil ich viel weiter käme, wenn ich zulassen würde, dass ich verdammt nochmal nicht perfekt bin. Und, danke, liebe Psyche, eben sehr emotional und sensibel. Natürlich gibt das unwahrscheinlich viel zu tun. Eine eklige Vorstellung, meiner Therapeutin meine Emotionen vollständig zuzumuten. Auch dafür schäme ich mich. Das ist doch viel zu viel. Das kannst du ihr doch nicht antun. Werde ich aber müssen, wenn ich vorankommen will. Wenn ich will, dass es mir langfristig gutgeht und ich wirklich echt bin.
Das ist doch absurd: Ich schone Sie mehr, als Sie mich, stellte ich zum Schluss der heutigen Sitzung fest, halbwegs lachend, obwohl ich lieber geweint hätte. Ich muss – nein, ich will – das ändern. Und nehme mir vor, dass die nächste Sitzung ein bisschen schonungsloser wird.

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6 Antworten auf “Schonungslos”

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag, liebe Elín! Es ist bei mir haargenau das Gleiche und es war mir bis grad eben noch nicht mal bewusst! Da hast du mir ordentlich was zum Denken aufgegeben….Deine Beiträge bringen mich oft mehr weiter, als viele Therapiesitzungen!

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    1. Wow. Frag mich nicht, wieso, aber das berührt mich irgendwie gerade total.
      Vielleicht, weil es mir auch nicht so recht bewusst war bis gestern. Ich hatte zwar manchmal nach der Therapie das Gefühl, dass irgendwas fehlte, aber keine Ahnung, was es war. Es war mir nur klar, dass dieses Etwas mein Ding ist. Nichts, was mir von meiner Therapeutin gefehlt hätte und auch nichts Zwischenmenschliches. Jetzt weiss ich’s: Es sind meine Gefühle, die fehlen. Das ist irgendwie unheimlich. Und ich weiss nicht recht, ob ich froh sein soll, dass ich morgen schon den nächsten Termin habe. Ausnahmsweise, weil’s gerade so wichtig ist, dranzubleiben. Puh. Das kann ja was werden:).
      Ich wünsche dir viele weiterbringende Gedanken. Und überhaupt alles Liebe.
      Elín

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      1. Das ist echt ne krasse Erkenntnis! Ich bin ich richtig sprachlos vorm PC gesessen, nachdem ich das gelesen hab bei dir. Seither läuft das Rädchen – ich versteh total, dass du das so schnell wie möglich besprechen magst! Mach ich dann am Samstag und bin schon gespannt, was da rauskommt (bei beiden von uns). Ich wünsch dir ganz viel Mut (ich finde, den braucht es immer, wenn’s um Gefühle geht) und dass du mit dem Thema gut weiterkommst und sowieso absolut immer alles Liebe!
        Danke für deine Offenheit und deine Herzlichkeit, das ist so was Besonderes!
        Nina

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      2. Ich schliesse mich Nina an. Ich finde es so unglaublich toll, wie wir uns hier mit unseren Beiträgen ermutigen, zum lachen bringen, manchmal zum weinen und gemeinsam unseren Gefühlen auf die Schliche kommen. Ich habe hier schon so viele Denkanstöße mitnehmen dürfen. Danke für den Beitrag Elin! Und danke für die Offenheit. Das ist wirklich etwas Besonderes. Herzliche Grüße. E.

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      3. Auch dir: vielen, vielen Dank! Mir geht’s genauso; ich wäre ohne eure Beiträge hier sicher um einige Erkenntnisse ärmer – und um ganz viele Momente zum Lachen ebenfalls. Das ist wirklich ein Geschenk in der Onlinewelt, die sonst so unwahrscheinlich viel Quatsch verbreitet. In diesem Sinne kann ich das Danke nur zurückgeben.
        Alles Liebe
        Elín

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