Unter Druck

Ein bisschen Druck ist mittlerweile weg: Ich habe die praktische Fahrprüfung für Lastwagen bestanden (in der Schweiz nennt die ja niemand so; hier sind das schwere Motorwagen zum Gütertransport mit einem Gesamtgewicht über 3500kg). Ich darf also zukünftig unser Tanklöschfahrzeug fahren – und den Rettungswagen auch, wenn ich denn einen Ausbildungsplatz kriege. Läuft. Ich hätte zwar zehn Minuten vor der Prüfung fast ins Strassenverkehrsamt gekotzt, weil ich so nervös war, aber es lief gut. Und der Prüfer war ohnehin ein geniales Exemplar Mensch. Selten (nie) so gelacht während einer Prüfung.

So. Aber Druck ist da trotzdem noch Auf ganz anderer Ebene. Und sehr viel stärker. Druck, der auf einem ganz, ganz wichtigen Bedürfnis lastet: meine Gefühle zu zeigen. Nicht immer und nicht überall, aber an wichtigen Orten und bei wichtigen Menschen. Bei meinem Freund und bei meiner Therapeutin. Und wahrscheinlich will ich das auch sonst viel öfter, als ich es mir eingestehe. Ich „kann“ nur eben nicht. Noch nicht. Prägung ist manchmal ein Arschloch. Da sind so viele Sätze und Situationen in meinem Kopf, die mich seit frühester Kindheit davon abgehalten haben, dass ich mich mittlerweile zu sehr für meine Gefühle schäme und es nicht wage, sie irgendwem in aller Vollständigkeit zu zeigen. Nicht mal mir selbst. Reiss dich bitte zusammen! Was sollen denn die Leute denken? Wie konntest du deiner Lehrerin nur sagen, dass du eine Essstörung hast? Jetzt denkt die Schule sicher, dass in unserer Familie was nicht stimmt! Ja, Mom, in unserer Familie stimmt verdammt vieles nicht. Eigentlich fällt mir erschreckend wenig ein, was stimmt. Aber das ist ein anderes Thema.
Ich habe diese Sätze so verinnerlicht, dass ich sie selbst glaube. Selbst glaube, dass es nicht angebracht, unangemessen, verpönt ist, Gefühle nach aussen zu tragen. Ein Lächeln für Freude ist erlaubt, ein bisschen das Gesicht verziehen für Ärger geht gerade noch, aber bloss nicht weinen, wenn es jemand sehen könnte! Was könnten denn die Anderen denken? Könnte und sollte mir das nicht relativ egal sein? Meine Güte, es sind nur Gefühle. Und die meisten dieser Anderen sind mir nicht besonders wichtig. Aber. Aber. Ich schäme mich so wahnsinnig für diesen Teil meines Ichs (ein sehr zentraler Teil), dass ich es einfach nicht übers Herz bringe. Sie müssen das nicht tun; es ist Ihr gutes Recht, Ihre Gefühle für sich zu behalten, sagte meine Therapeutin und meinte es genau so. Und ich mag den Gedanken. Nicht müssen. Die Kontrolle behalten. Die Beherrschung nicht verlieren. So s(ch)ein(en), wie ich gesehen werden will. Klingt das nicht grossartig?
Rhetorische Frage. In einem Vorstellungsgespräch vielleicht. Oder in einer Gerichtsverhandlung. Aber so generell? Im Leben?
Nein. Es fühlt sich an, als läge ein riesiger Haufen aus Blei auf meiner Brust, und jedes Mal, wenn ich tief Luft holen will, rutscht der Haufen ein bisschen weiter in meine Lunge. Ich will das nicht mehr. Ich will loslassen. Ich will ich sein. Ich will Luftsprünge machen vor Freude, wenn ich, wie heute, eine so wichtige Prüfung bestehe. Ich will weinen, wenn ich traurig bin – und heulen, wenn ich sehr traurig bin. Oder sehr verzweifelt, enttäuscht oder verletzt. Ich will schreien, wenn ich wütend bin. Ich will echt sein. Ich will atmen. Und mich nicht dafür schämen, zu fühlen. Nicht einmal dafür, sehr viel mehr und sehr viel intensiver zu fühlen als viele andere Menschen. Das wird ein ganzer Haufen Arbeit. Es ist ein einfaches Gesetz: Druck erzeugt Gegendruck. Und je mehr ich meine Gefühle unterdrücke, desto stärker stehe ich unter Druck. Zeit für Druckabbau.

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  1. Also erst mal: Gratulation zur bestandenen Prüfung 🙂
    Und dann – lasse ich einfach mal hier, dass ich den letzten Absatz liebe: „Ich will, ich will, ich will!“. Es ist soooooooo gut, was du da alles willst und du hast jedes Recht dazu. Nimm dir alles davon, erlaub es dir- schrei und heul, mach Luftsprünge und atme. Ich wünsch dir, dass du so viel davon zulassen kannst, wie da Power in deinem Text steckt (und falls du einen Trick, einen Schalter dafür findest – dann lass es mich bitte wissen :))
    Alles Liebe!

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