Verjährt

Ich glaube, ich hätte so langsam Potential, um wahnsinnig zu werden. Also wirklich. Pathologisch. Spätestens am Freitag, hiess es vor sechs Tagen. Am Assessmenttag für die Ausbildung im Rettungsdienst. Dieser Freitag ist morgen, und ich habe mich diese Woche wohl ein bisschen zu sehr am Spätestens festgehalten. Seit ungefähr Dienstag stehe ich unter einer Spannung, die jede Stromleitung vor Neid erblassen liesse (ich sollte ausprobieren, ob Licht angeht, wenn ich eine Glühbirne zwischen die Zähne klemme). Kurz: Es ist eine anstrengende Woche. Und inzwischen ist mir das Ergebnis fast schon „egal“ – ich will es nur endlich wissen. Um nicht wirklich bald eine neue Diagnose zu kriegen.
Aber das nur am Rande.
Der Assessmenttag liegt jetzt sechs Tage zurück, und er war gut. Ich kann zwar nicht abschätzen, ob ich eine Runde weiter bin, weil ganz viel von der Einschätzung anderer abhängt, aber es war trotzdem ein guter Tag. Mit einer tollen Gruppe, mit viel Lachen, obwohl einiges auf dem Spiel steht und mit einer ungewohnten Portion Selbstvertrauen. Aber auch mit einem ganz neuen Gefühl. Zum ersten Mal überhaupt haben meine Narben mich an diesem Tag gestört. Nicht, weil ich mich dafür schäme. Nicht, weil ich befürchte, sie könnten ein Nachteil für mich sein – wenn überhaupt, dann haben sie nur die Gruppenmitglieder, nicht aber die Prüfer gesehen. Sondern weil ich letzten Freitag einen Weg verfolgt habe, der zu meinem gesunden Leben gehört. Zu einem inneren Ziel. Zu etwas, wovon ich überzeugt bin, es gut zu können. Zu einem Lebenstraum. Und die Narben passen da nicht dazu. Zu mir passen sie auch nicht mehr. Wie eine Jacke, die ich mit elf trug und die mir jetzt zu klein geworden ist. Ich schäme mich nicht dafür, dass ich diese Jacke hatte und sie noch immer in meinem Schrank hängt. Aber anziehen möchte ich sie nicht mehr. Sie gehört einfach nicht in die Gegenwart. Mit der eigenen Haut ist das natürlich nicht so einfach. Ich verstecke meine Narben nicht. Habe ich nie getan und werde ich auch in Zukunft nicht tun, und wenn jemand fragt, der ernsthaftes Interesse hat und mir zumindest sympathisch ist, gebe ich eine ehrliche Antwort. Sogar die siebenjährige Enkelin meines Freundes weiss, woher ich diese Narben habe. Soweit also kein Problem. Nur, dieses Gefühl vom letzten Freitag geht mir nicht mehr aus dem Kopf (und aus dem Herzen auch nicht). Dieses Gefühl, dass da etwas ist, was zu einer Zeit gehört, die endgültig vorbei ist. Für immer. Und trotzdem sichtbar bleibt. Auch für immer.
Das ist doch ein gutes Zeichen, sagte meine Therapeutin heute. Und meinte damit den Abstand, den ich inzwischen zu selbstschädigendem Verhalten auch emotional habe. So habe ich das bisher nicht betrachtet, aber es stimmt. Es fühlt sich an, als wäre die blutige Zeit mindestens zwei Jahrzehnte her. Wie aus einem anderen Leben. Da sitze ich nun hier, müde und angespannt zugleich, schaue beiläufig auf meinen Arm, betrachte das vertraute Muster und werde das Gefühl nicht los, dass diese Narben verjährt sind. Daran muss ich mich erst mal gewöhnen.

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  1. Das mit dem Wahnsinnig-Werden überleg Dir bitte nochmal. Das wäre extrem schade. Was heißt schade – ein Verlust! Aber gut, ein gewisses Potenzial dazu kann vielleicht nicht schaden, solange man es für sich nutzt, um darüber nachzudenken, zu reflektieren, auch über das Leben und die Welt an sich. Künstlern sagt man das ja öfters nach… Und in dem Sinne sehe ich Dich als Künstlerin, im positivsten Sinne als Lebenskünstlerin!

    Die Verjährung ist ein Beispiel dafür: Yeah! Das Leben hinterlässt Narben und wenn jeder damit so umgehen könnte, sie bei jedem verjähren würden, dann hätte die Welt erheblich weniger Probleme, dann gäbe es mehr echte Liebe – weil auch mehr Liebe zu sich selbst. Vielleicht ist es gut dafür, dass sie bei Dir so sichtbar sind*? Wie ein Denkmal? Kein Maß mehr, aber gut, sich von Zeit zu Zeit zu erinnern? An das, was man positiv überwunden hat, an oder trotz dem man besser geworden ist, sich mehr lieben kann…

    Du machst mir immer wieder Hoffnung. Behalte sie bitte auch selbst!

    Viel Glück und alles Gute!
    Imho

    (*Schau, ich will nichts, als Deine Hände halten und still und gut und voller Frieden sein…)

    Liken

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