Weil ich’s kann

Ich habe geträumt. Vom Rettungsdienst. Vom Vorstellungsgespräch, zu dem ich vor zwei Tagen tatsächlich eingeladen wurde. Assessmenttag bestanden! Wirklich bestanden. Eine Runde weiter, dem Traum einen grossen Schritt näher. Es kommt mir noch fast ein bisschen unwirklich vor. Aber die Chancen stehen nicht allzu schlecht, dass ich ab September wieder zur Schule gehe. Und Rettungssanitäterin i. A. auf meiner Jacke stehen wird. Noch fehlen ein paar Tests, aber ich fange tatsächlich an, an mich zu glauben. Das hört sich vielleicht seltsam an, weil diese selbstindizierte Zuversicht schon viel früher angebracht gewesen wäre. Schon vor über einem Jahr, als der ganze Auswahlprozess losging. Aber ich habe es damals nicht gespürt. Nicht so wie heute.

Warum sollten wir ausgerechnet Sie auswählen? 
Die Frage, von der ich geträumt habe. Gar nicht so unwahrscheinlich, dass ich diese Frage tatsächlich gestellt bekomme. Auch wenn sie recht ausgelutscht ist und wohl in fast jedem Vorstellungsgespräch vorkommt. Also? Warum sollten sie? Es kostet mich unheimlich viel Überwindung, diesen Text überhaupt zu schreiben, und ich kann nur ahnen, wie schwer es wird, diese Worte auch auszusprechen, aber ich werde es versuchen. Weil es diesmal ehrlich sein soll. Nicht irgendein Quatsch, von dem ich weiss, dass er gehört werden will. Nicht so, wie ich es bisher bei jedem Vorstellungsgespräch getan habe. Diesmal wirklich. Diesmal will ich das. Nicht ein erfundenes alter ego.

Ich werde eine gute Rettungssanitäterin. Weil ich helfen will und kann. Weil ich belastbar bin und sehr viel mehr aushalte, als es andere Menschen können. Weil ich mich in Menschen hineinfühlen kann, ohne mitzuleiden. Ich gehe nicht mehr daran kaputt, wenn es anderen schlecht geht. Weil ich selbst so viel Mist er- und überlebt habe, dass ich weiss, wie es sich anfühlt, Hilfe zu brauchen. Ich habe diese Hilfe bekommen, und ich gebe sehr gerne etwas davon weiter. Ich lerne sehr schnell, und wenn ich etwas wirklich will, auch sehr nachhaltig. Es fällt mir leicht, mir Dinge zu merken, und ich kann mich auch dann noch konzentrieren, wenn rundherum alles hektisch und laut und unübersichtlich ist und andere längst die Nerven verlieren. Auf mein Hirn ist Verlass. Und auf mein Bauchgefühl auch. Ich kenne mich vielleicht noch nicht, aber ich spüre meine Grenzen. Und scheue mich nicht, diese anzusprechen und mir Hilfe zu holen, wenn ich sie brauche. Ich kann sagen, dass mir etwas zu viel ist. Auch vor versammelter Mannschaft. Ich weiss, wo meine Schwächen sind und bin bereit, daran zu arbeiten. Manche von ihnen werde ich behalten, und das ist gut so. Ich bin nicht perfekt. Ich habe Narben, innere und äussere, und vielleicht wird es irgendwann komisch sein, wenn ein Patient die sieht. Vielleicht, wenn es der Zufall will, muss ich irgendwann einen suizidgefährdeten Menschen mit dem Rettungswagen in die Klinik fahren, in der ich selbst insgesamt fast neun Monate verbracht habe. Auch damit käme ich zurecht. Auch diese Patienten könnte ich gut betreuen. Vielleicht sogar ein bisschen besser als meine Kollegen, die damit selbst nie konfrontiert waren. Ich habe Erfahrungen gesammelt, auf die ich gerne verzichtet hätte. Aber jetzt, wo diese Erfahrungen vor allem Erinnerung sind, bin ich froh darüber. Weil sie mich zu dem machen, was ich heute bin. Weil ich durch all die Schwäche, durch das jahrelange Existieren und durch das mehrfache beinahe Sterben so viel stärker, präsenter und lebendiger geworden bin. Ich bin hier. Und ich weiss, was ich will. Ich will diese Ausbildung. Ich will, dass es nicht immer einfach ist. Ich will lernen, gefordert und gefördert werden. Ich will an meine Grenzen gelangen und sie erweitern. Ich will endlich im Aussen nutzen, was ich in mir drin seit drei Jahren erarbeite. Noch fällt es mir schwer, dazu zu stehen. Noch ist es ungewohnt, nicht mehr hauptberuflich Patientin zu sein. Stark zu sein und damit nicht bloss zu überleben, sondern auch anderen dabei zu helfen. Aber ich werde mich daran gewöhnen. Werde meine Sache gut machen. Sehr gut sogar.

Warum sie mich nehmen sollten?
Weil ich’s kann. 

 

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2 Antworten auf “Weil ich’s kann”

    1. Danke<3! Noch zehn Tage, dann weiss ich ein bisschen mehr. Ist ja dann noch nicht alles; danach muss ich noch einen Fahrtest, ein zweitägiges Praktikum und einen Besuch beim Vertrauensarzt überstehen. Aber das sind dann eher kleinere Hürden. Hoffe ich:)…

      Gefällt 1 Person

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