Die Persönlichkeit

Damit bin wohl ich gemeint. Wer auch immer das ist. Und damit sind wir auch schon mitten drin: Es ist nämlich furchtbar typisch für unserseins, nicht so genau zu wissen, wer wir sind. Wir, die Borderliner. Obwohl, eigentlich gibt es die Borderliner gar nicht. Nicht so allgemein. Das wäre, als würde ich versuchen, die Flugzeuge zu beschreiben. Oder die Pferde. Oder für die Menschen zu sprechen. Also belasse ich es dabei. Und erzähle stattdessen einfach von mir.
Einige langweilige Fakten vielleicht? Na gut, ausnahmsweise. Ich bin neunundzwanzig, habe gerade erfolgreich mein Studium abgebrochen, um endlich etwas zu tun, was sich für mich richtig anfühlt, und ich liebe es, zu schreiben. Merkt man wahrscheinlich an der Länge der jeweiligen Beiträge. Mehr gibt’s eigentlich vorerst nicht zu sagen.
Obwohl, Moment, irgendwas war da noch. Ach ja, richtig. Irgendwas mit ein paar Diagnosen. Borderline im Hauptfach. Die Nebenfächer habe ich recht vollständig abgeschlossen. Man muss ja auch loslassen können.

Aber, weil es hier genau darum gehen soll, etwas mehr darüber, wie ich zu meinem Hauptfach kam.
Es war an einem ziemlich stürmischen Januarmorgen, als ich meiner Therapeutin gegenüber sass und ihr quasi die Steilvorlage lieferte. Nicht für die Krankheit natürlich, die hatte ich wohl schon Ewigkeiten vorher. Aber für die Diagnose. Ich war damals seit ungefähr sechs Wochen in der Klinik. Eigentlich aufgrund meiner langjährigen Essstörung, aber um die ging es erstaunlich selten, zumindest nicht in den Einzelgesprächen.
Einige Tage zuvor hatte ich am Schreibtischchen des Klinikzimmers gesessen und brav meine Hausaufgaben für die Skillsgruppe erledigt. Nicht besonders anspruchsvoll in der Theorie. Über die Praxis reden wir später. Aber ich war dennoch neugierig und blätterte durch den Ordner. Modul 3: Umgang mit Gefühlen. Und erkannte mich erschreckend oft wieder. Irgendwann blieben meine Augen dann an der Fusszeile kleben. Interaktives Skillstraining für Borderline-Patienten. Borderline? Borderline? Borderline.
Hmm.

Und wenn schon. Das hatte gar nichts zu bedeuten. In dieser Therapiegruppe waren viele meiner Mitpatienten, die einfach nur ganz langweilige Probleme damit hatten, mit Stress umzugehen und daher nach Wegen suchten, die nicht ganz so selbstzerstörerisch waren wie übermässiger Alkoholkonsum, sich die Arme aufschneiden, Wände (oder auch mal Belebteres) verprügeln, allerlei Zwangshandlungen oder, wie in meinem Fall, exzessive Fressanfälle. Ordner zu. Ende der Überlegungen. Ich bin schliesslich auch noch längst kein Hund, nur weil ich mein Futter verteidige.
An besagtem Januarmorgen erwähnte ich trotzdem in einem nicht ganz so beiläufigen Nebensatz, dass ich mich in den erwähnten Erläuterungen recht oft wiedererkannte. In der hoffnungsvollen Erwartung, meine Therapeutin würde mir zustimmen, dass das nichts zu bedeuten hatte. Ach, machen Sie sich keinen Kopf, auf fast jeden Menschen trifft das eine oder andere Kriterium zu. So war das geplant gewesen. Aber sie hielt sich nicht so ganz an den Plan (nicht zum ersten Mal übrigens, was ich ansonsten sehr begrüsste). Statt der gewünschten harmlosen Beschwichtigung dann: Gut, dass Sie es ansprechen; diese Vermutung habe ich bei Ihnen auch. Dreimal leer schlucken (was übrigens ungewöhnlich ist für Bulimikerinnen). Oha.

Nun, der Rest ging dann irgendwie ganz schnell. Ich kämpfte eine Woche lang gegen den geäusserten Verdacht an, und in der letzten Sitzung vor meinem Übertritt in die Tagesklinik wurde aus dem Verdacht Gewissheit. Borderlinegewissheit. Die heftige Bulimie, die ich beim Eintritt im Gepäck hatte, war nicht mehr ganz so heftig, und damit sie sich nicht einsam fühlen musste, gesellte sich von nun an eine emotional intstabile Persönlichkeitsstörung dazu. Wie nett von ihr. Zusammen mit meiner damals nicht wirklich verarbeiteten posttraumatischen Belastungsstörung entstand ein recht explosives Trio. Ein Störungstrio.
Jetzt war ich also F50.2, F43.1 und F60.31. Zusammengezählt 153.61 Punkte auf der Dachschadenskala. Immerhin: Quersumme 7 (dazu später mehr).
Ich fühlte mich denn auch tatsächlich ziemlich lange bloss als wandelnde Diagnosenkombination. Und hatte trotz unheimlicher Schwierigkeiten im Umang mit der neuesten von ihnen panische Angst davor, eine zu verlieren. Weil ich mich dann so gar nicht mehr hätte definieren können. Das konnte ich natürlich auch so nicht. Aber ich war dankbar dafür, dass der ICD 10 mir die Arbeit abnahm.

Und heute? Heute ist ziemlich viel und doch wieder recht wenig Zeit vergangen, gemessen daran, was sich seither so alles verändert hat.
Aber dazu an anderer Stelle mehr.
Jedenfalls finde ich gerade heraus, dass an mir doch mehr Persönlichkeit als Störung ist. Ich bin impulsiv, ja. Manchmal gerade noch so im Rahmen und manchmal auch so weit weg vom Bild, dass ich schon ausserhalb des Museums stehe. Ich habe so meine Schwierigkeiten mit dem richtigen Mass an Nähe und Distanz, was die Beziehungsgestaltung relativ, nun ja, abwechslungsreich macht. Es braucht nicht viel, um mich an die Decke zu bringen (praktisch beim Renovieren: erspart die Leiter). Aber wesentlich mehr, um mich wieder auf den Boden zu holen. Ich habe Angst davor, alleingelassen zu werden und gleichzeitig vor zu viel Gesellschaft (auch hier braucht es für zu viel absolut nicht viel). Manchmal ist alles nur zu viel und dann wieder viel zu wenig. Ich tue mich schwer damit, Menschen zu vertrauen. Und manchmal habe ich keine Ahnung, was ich eigentlich gerade fühle. Ich bin stur, misstrauisch, zynisch, zeitweise zu egoistisch und dann wieder viel zu wenig, traurig und glücklich zugleich, leer und dann wieder übervoll, ich neige zur Dramatik und sehe viel zu oft nur schwarz oder weiss. Ich suche ständig nach den Extremen, weil ich mich nur spüren kann, wenn ich Grenzen auslote. Oder überschreite. Ich bin verletzlich und verberge es auf Teufel komm raus, ich bin furchtbar rational und habe eine seltsame Affinität zu Quersummen und Primzahlen, und meist versuche ich, zu ignorieren, dass das, was unterhalb des Kopfes noch so an mir hängt, auch dazu gehört. Und beachtet werden will. Selbstwert ist im Allgemeinen nicht so mein Ding.
Aber ich bin auch mutig. Willenstark. Humorvoll (wenn man das Manual über Sarkasmus gelesen hat). Intelligent. Schlagfertig. Neugierig. Feinfühlig. Wortgewandt. Empathisch. Kreativ und talentiert. Kopfgesteuert und gerade das Herz entdeckend. Und Graustufen zwischen den Extremen. Farben sogar. Vor allem aber: Ich bin Mensch. Lange vor jeder Störung einfach nur Mensch. Persönlichkeit.

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